Frankenberg-Winterberg

Heimat ist für mich auch, Abschied zu nehmen. So ist es seit zwölf Jahren, und so wird es auch weiterhin sein. Mit jeder Rückkehr wird von dem Frankenberg, das ich kennengelernt habe, weniger übrig sein, und was ich in mir trage, ist mehr Idee als Realität. Und doch gibt es Dinge, die sich nicht ändern: zum Beispiel die Landschaft. Ich empfinde nichts, wenn ich in eine Ebene hinein schaue, weder Traurigkeit noch Sehnsucht, und so sehr ich auch die Aussicht in den Bergen genieße, die schiere Größe der Felsen erschlägt mich in Gedanken. Die Hügellandschaft der Mittelgebirge aber trägt mich, sie lässt mich schweben und hält mich gleichzeitig fest, als ob ich auf Wolken liegen würde. Wann immer ich nach Frankenberg zurückkomme, warte ich auf den Moment, in dem der Kirchturm aus den Hügeln auftaucht und ich wieder zum ersten Mal das spitze Schieferdach sehe. Das ist der Augenblick, in dem jede Reise hinter mir liegt.

 

Als ich an jenem Sonntag aus Frankenberg fortging, schneite es kräftig, und vom Burgberg konnte man kaum 500 Meter weit sehen. Ich hatte eine blaue Schutzhülle über meine Jacke und meinen Rucksack gezogen, damit die Feuchtigkeit nicht schon auf den ersten Kilometern die Wärme aus meiner Kleidung saugt. Doch stattdessen schwitze ich mit jedem Anstieg so sehr, dass die Kamera in meiner Jackentasche beschlug.

 

Frankenberg liegt auf etwa 290 Metern Höhe, doch die äußersten Stadtteile bereits auf bis zu 450 Metern. Der Weg nach Rengershausen führte über eine Kreisstraße mitten durch den Wald. Und bis Mittag war kein Räumfahrzeug zu sehen. Noch in sieben Kilometern Entfernung konnte man das Sonntagsgeläut der Kirche hören. Ohne, dass ich den Schieferturm noch im Blick gehabt hätte.

 

Irgendwann war die Glocke verstummt, und die Buchen und Fichten um mich herum schlossen die Straße komplett ein. Die Kreisstraße war nur noch der Leitpfosten wegen zu erkennen, der Schnee hatte die Fahrbahn eingeebnet. Alle zehn Minuten kam mir ein Auto entgegen. Vielleicht lag es an den Fahrbahnverhältnissen, die wirklich extrem waren, aber ich fühlte mich in keinem Moment von den Fahrern bedrängt.

 

Erst in Nordrhein-Westfalen wurde das wieder anders.  Ich erreichte Winterberg völlig schneebedeckt an einem Sonntagabend, an dem nicht nur die Geschäfte geschlossen hatten, sondern auch die meisten Hotels. Und die Frau an der Rezeption fragte mich nach meinem Auto. „Ich bin zu Fuß hier.“ Sie antwortete nach einer kleinen Pause: „Ja, klar. Wo steht denn nun ihr Auto?“

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