Nordhausen-Duderstadt

Das eindrucksvollste Licht, das ich auf meiner Wanderung bisher sah, war das Leuchten von Duderstadt. Wie all die orangenen Scheinwerfer in der Innenstadt und die hellen Laternen von der Wolkendecke reflektiert werden. Und wie man dieses Leuchten erlebt: Von Brehme aus kommend, als ein Strahlen hinter den letzten Hügeln des Ohmgebirges. Vor 25 Jahren noch, da blieb nichts weiter als das Strahlen. Es gab kein Fortkommen hinter Ecklingerode, alle Wege waren hier zu Ende. Direkt hinter dem Ort verlief die innerdeutsche Grenze. Als ich mich Niedersachsen näherte, war es schon vollkommen dunkel, auch in Ecklingerode, ich war müde und freute mich auf mein Bett in Duderstadt. Und vielleicht machte das Leuchten deswegen einen so großen Eindruck auf mich: Weil ich mir nicht im Geringsten vorstellen konnte, wie es sein müsste, wenn alles nun vorbei wäre. Wäre der Abglanz von Duderstadt nicht gewesen. Die Vorstellung, dass alles nur ein Strahlen am Horizont bleiben würde, machte mich beklommen und gleichzeitig meine Füße schneller. Ich wollte mir beweisen, dass alles nun anders war.

Es war der Tag des Lichts.

Tagsüber war es so fahl, dass ich lange Zeit gar nicht bemerkte, wie sich über Pflanzen und Zäune und Autos ein Film aus Eis legte. Der Nieselregen setzte sich fest und glasierte die Umgebung. Nur den Asphalt nicht, der war noch warm genug von den ersten Frühlingstagen des Jahres. Selbst die Vogelbeerensträucher lagen unter einem dicken Eispanzer. Es war, als hätte jemand die Früchte in Gelee gegossen. Am Ortsausgang von Bischofferode sah ich den ersten kollabierten Baum, eine Birke, die der Last des Eises nicht mehr standhalten konnte.

In den Zweigen knisterte das Eis. Der Wind blies eisig. Ging ich auf Gras, hörten sich meine Schritte an, als würde ich durch Glasscherben treten. Hinter Holungen war mein Wanderweg komplett vereist. Die letzten 100 Meter legte ich auf allen Vieren zurück.

Und dann kam das nächste Licht.

Schon von Weitem sah ich es, ein Blaulicht, und als ich die Straße ins Tal hinab ging, merkte ich, wie meine Füße immer wieder den Halt verloren. Der Wind schüttelte Eisklumpen auf die Straße, und sie fallen von den Ästen wie zerbrochenes Porzellan. Besonders heftig ist es dort, wo Äste der Last des Eises nachgegeben haben und auf die Straße gestürzt sind. An diesen Stellen ist die Straße für Fußgänger unpassierbar. Das noch nasse Eis glitscht besonders leicht unter den Sohlen weg.

Ich näherte mich dem Blaulicht, und als ich fast auf einer Höhe mit dem Wagen war, passierte es: Ich kam ins Schlingern und schaffte es gerade noch so, mich zu fangen. Die größte Sorge in diesen Momenten ist es, das ich mir das Knie verdrehe. Wenn ich auf den Rücken falle, schützt mich der Rucksack, und nach vorne hin kann ich mich mit den Händen abstützen. Aber wenn ein Bein zu einer Seite ausbricht und ich mich nicht mehr halten kann, drückt die Extralast des Rucksacks zusätzlich auf meine Gelenke. Vielleicht sieht es deswegen ein wenig kurios aus, wie ich mich bewege.

Der Fahrer des Feuerwehrwagens kurbelte sein Fenster runter: „Können wir Dich ein Stück mitnehmen?“ Ich sagte: „Ja, sehr gerne!“

Ich stieg auf die Rückbank des Wagens der Freiwilligen Feuerwehr Brehme. Einer der beiden trug eine dicke Brille, und beide sprachen sie breiten thüringischen Dialekt.

„Wo willst Du hin?“

„Nach Duderstadt.“

„Nach Duderstadt? Dann hast Du aber noch ein ganz schönes Stück vor Dir.“

„Ja, so acht Kilometer ungefähr, oder?“

„Kommt ganz gut hin. Dann können wir Dich zumindest runter bis ins Tal nehmen. Da gibt es weniger Eis.“

Und ich erzählte ihm, was ich gesehen habe. Dass in Bischofferode ein Baum unter der Eislast zusammengebrochen ist. Und dass ich hinter Holungen den Berg auf allen Vieren hinauf gekrabbelt bin. „Da waren wir auch schon, am Sonnenstein“, sagte der Fahrer. „Und es wird auch heute nicht das letzte Mal gewesen sein.“

Der Beifahrer telefonierte mit einem Kollegen. „Wenn ihr da rauf fahrt, seid vorsichtig, nehmt Euch Helme mit. Da kommen Eisbrocken runter, das glaubt Ihr nicht!“ „Von überall kommen jetzt die Anrufe rein. Wir fahren auch gleich wieder los.“

Sie ließen mich am Friedhof raus. Und Du läufst einfach so jetzt nach Duderstadt?“, fragte mich einer der beiden erstaunt. „Eigentlich möchte ich bis nach Holland. Ich bin in Polen gestartet.“

Und dann schauten die beiden mich völlig unverstellt und ehrlich erstaunt an. Einer von den beiden hatte sogar seinen Mund offen. „Von Polen bis nach Holland? Wie cool! Krasse Aktion.“

„Ich wünsche Dir alles Gute und dass Du sicher ankommst!“

Advertisements

One thought on “Nordhausen-Duderstadt

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s