Göttingen – Hann. Münden

Durch die deutsche Provinz zu wandern muss nicht immer schön sein. Es gibt hässliche Momente, in denen mir klar wird, warum es jedes Jahr Hunderttausende aus den kleinen Städten in die Welt hinaus treibt.

In Göttingen hatte ich schlecht geschlafen und schlecht gefrühstückt, und außerdem hatte es angefangen zu schneien. Es sollte den Tag über nicht mehr aufhören, und je später es wurde, desto dicker waren die Flocken. In der Göttinger Innenstadt war es eher noch ein feiner Schneegriesel, konfettigroß, hinter Mengershausen nahmen die Flocken dann die Größe von Daunenfedern an.

Da es keine wanderfähigen Radwege nach Hann. Münden gab, musste ich auf die Straße ausweichen. Ab Rosdorf lief ich auf der linken Spur, entgegen der Fahrtrichtung, auf kaum genutzten Kreisstraßen entlang. Alle zwei, drei Minuten kam ein Auto, und ich trat zur Seite. Doch je länger der Schneefall anhielt, desto weniger Möglichkeiten hatte ich, auf den zugeschneiten Grünstreifen auszuweichen. Ich versuchte, Blickkontakt mit den Fahrern aufzunehmen und blieb stehen.

Doch je weiter ich mich von Göttingen entfernte, desto rücksichtsloser wurden die Autofahrer. Auf einer Hügelkuppe zwischen Mengershausen und Jühnde steuerte eine ältere Dame mit blondem Kurzhaarschnitt ihren Golf frontal auf mich zu, ihre verkniffenen Augen hatten mich fixiert. Sie machte auch keine Anstalten, zu bremsen. Es ging darum, mir zu zeigen, wem die Straße gehört. Da ich aber nur mit einem Hechtsprung in einen Schneehaufen hätte ausweichen können, blieb ich stehen. Zwanzig Meter, bevor sie mich auf die Motorhaube genommen hätte, fuhr sie einen leichten Linksbogen, in vollem Bewusstsein, dass sie mit der Beifahrerseite nun genau durch eine Schneematschpfütze fahren würde. Die Fontäne traf mich von der Brust bis zu den Knöcheln, bei minus drei Grad Außentemperatur war ich von oben bis unten nass.

Es war nicht das einzige Mal, dass mir so etwas an diesem Tag passierte. Ein Mercedes Kombi raste eine Stunde später ebenfalls durch eine Matschpfütze. Ich warnte ihn noch, zeigte auf den Boden, rief ihm etwas zu. Ohne Reaktion. Diesmal konnte ich in die Luft springen und wurde nur bis zu den Knien nass.

Der Schnee wurde dichter, und am frühen Nachmittag war die komplette Fahrbahn zugeschneit. Autos glitten auf dem Schnee ab, auch ich kam nur noch wie auf Schmierseife vorwärts. Bauernburschen saßen in ihren Karren und lachten mich aus. Eine Audi TT rauschte mit 60 Sachen an mir vorbei und hupte mich aus dem Weg.

Die seltsamste Begegnung hatte ich aber mit einer Frau in Meensen, einem kleinen Dorf, etwa neun Kilometer vor Hann. Münden. Sie war gerade dabei vor ihrem Haus Schnee zu schippen. Erst starrte sie mich sekundenlang an, dann grüßte ich sie. Sie fragte mich: „Wo wollen sie denn noch hin?“ Ich sagte: „Nach Hann. Münden.“ Sie: Da haben sie aber noch eine ganze Weile zu laufen.“ Ich: „Vorhin habe ich gelesen, dass es noch neun Kilometer sind, ja? Das ist doch zu schaffen.“ Sie: „Ich habe sie vorhin schon in Jühnde gesehen.“ Ich: „Ja, ich laufe heute von Göttingen nach Hann. Münden, hab mir wohl das falsche Wetter dazu ausgesucht.“ Sie: „Das zieht sich nach da hinten noch ganz schön hin.“ Kein einziges Lächeln, nur Argwohn. Ich entschloss mich, die verblieben Kilometer bis zu meinem Zielort schnellstmöglich in die Landschaft zu trampeln.

In Hann. Münden suchte ich nach einem Hotel und blieb vor einem großen, alten wilhelminischen Gästehaus stehen, in dem kein Licht brannte. Ich klingelte trotzdem, und keiner machte mir auf. Als ich schon fluchend wieder zurück zur Straße lief, machte ein sehr lieber älterer Mann auf und rief mich zurück. Ich war der einzige Gast an diesem Abend in seiner Pension mit 20 Betten.

Er fragte mich: „Haben sie Urlaub oder sind sie Dichter?“

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