Einige Worte zu Halle

Ein paar Worte zur kleinlautesten Stadt Deutschlands. Gerade jetzt, wo die Sonne scheint.

Ich mag den Sonnenaufgang am Marktplatz sehen, weil die Altstadt lebt, und kein Museum ist. Ich mag den Humor der Hallenser. Ein Café wirbt für Tatort-Abende: „Öffentlich-rechtlicher Mord und Totschlag. Sonntags, 20.15 Uhr.“ Nirgendwo sonst habe ich im Osten so viele junge Menschen gesehen wie hier. Und in meiner Pension haben sich zwei Pharmakologen verdruckst über den Toxikologiekongress unterhalten. Ich habe fast kein Hotelzimmer mehr gefunden. Jede wollte nach Halle. Eine Stadt, die im Zweiten Weltkrieg kaum zerstört wurde. In der pro Quadratmeter doppelt so viel geschichte steckt wie in Hamburg oder München.

Woher hat Halle eigentlich sein schlechtes Image? Kommt es daher, dass der lokale Fußballverein mehrere Jahrzehnte lang „Chemie“ hieß, was als Clubname ungefähr so sexy klingt wie „Lokomotive“ oder „Traktor“? Vielleicht liegt es auch daran, dass die SED-Diktatoren 40 Jahre lang versucht haben, aus Halle eine andere Stadt zu machen. Wenn man aus dem Bahnhof hinaus geht, sieht man gleich nach wenigen Metern schon überdeutlich, wohin der Weg dieser Stadt gehen sollte. Sozialistischer Futurismus, der sich schon vor seiner Geburt überlebt hatte. Traurige Betonriesen ragen dort in die Höhe. Gerade jetzt läuft das Schmelzwasser an ihnen herunter, sie scheinen zu weinen.

Und dann Hochstraßen. Immer wieder Hochstraßen. Auf gigantischen Pfeilern stelzen sie durch die Stadt. Dicht vor dem Bahnhof liegt eine kreisrunde Passage unter den Brückenbahnen. Sie sieht aus, als hätte jemand versucht, ein Arschloch aus Beton nach zu bauen. Nach der Wende hat man dann offensichtlich versucht, den Ort aufzuwerten. Ein Vordach aus Milchglas schützt Passanten jetzt vor dem gröbsten Regen. Es ist dasselbe Glas, das auch in Bahnhöfen oder tot glotzenden Banktürmen verwendet wird. Es kann kaputt gehen, und dann ersetzt man es eben schnell. Es ist ein Glas, dessen Bruch schon beim Guss mit einberechnet wurde.

Aber das ist nicht die Stadt die ich meine. Man muss sie fühlen. Und erleben. Ich würde mich übrigens nicht wundern, wenn nach Berlin und Leipzig am Ende doch Halle der nächste große Hype wäre. Selbst wenn sich hier in Halle darüber wahrscheinlich niemand zu sprechen traute.

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