Bitterfeld-Halle

Ich wollte nichts über das tote Bitterfeld schreiben, weil alle Menschen Bitterfeld für tot halten. Die älteren, weil sie noch die Berichte von der schmutzigsten Stadt Deutschlands kennen. Die jüngeren, weil sie noch nie von diesem Ort gehört haben. Beides bedingt sich.

 

Doch ich bin fasziniert von Orten, die sonst niemand sehen will. Ich suche in ihnen die jüngste Wahrheit, eben jene, die noch nicht jeder kennt. Als ich Bitterfeld in Richtung Halle verließ, wurde ich fündig.

 

Hinter dem Zentrum, an der ersten großen Straßenbrücke, stieg der Verkehr über die Stadt hinweg, weit unten die Bahngleise nach Westen und Osten. Links und rechts davon lagen verlassene Industriebauten. Eingeschlagene Fenster, abgeknickte Antennen, verlassene Silos, vermauerte Türen. Es war ein Schlachtfeld des Strukturwandels. Und wer immer hier gekämpft hatte, musste verlieren. Nun standen die Gebäude leer und sie hatten die Farbe des Verfalls angenommen – wie das Wasser, das in den Spülstein rinnt, wenn man einen Malkasten auswäscht: Karminrot mischt sich mit schwarz, mintgrün rostet rot-braun und reagiert mit dem Ruß der Abgase aus den Auspuffrohren. Es ist, als hätte jemand eine Leichendecke über diese Häuser gezogen, die nichts mehr waren als Ruinen.

 

Ich stieg in eines der Häuser ein, und sah nichts als Trümmer. Ich konnte mich noch erinnern, dass ich vor mehr als vier Jahren schon einmal hier war, zwei Wirtschaftskrisen später hatte sich nichts geändert. Zerschlagene Schränke, Schutt und einige zerschmissene Bierflaschen.

 

Hinter der großen, geschwungenen Brücke ist der Spuk vorbei, die Fassaden waren hier deutlich gepflegter und Gehwege belebter. Kilometerweit ging das so, Bitterfeld ließ mich nicht los. Als dann doch die Heidesträucher über die Bürgersteige gesiegt hatten, erklärt mir Sachsen-Anhalt den Krieg. Alles, was mir bisher erspart blieb, kommt jetzt kompakt, im Ganzen.

 

Es fing zuerst damit an, dass der Rad- und Wanderweg längs der Bundesstraße ab dem Ortsausgang als Teil der Fahrbahn fortlief. Bisher waren meine Wege meist separat von den Bundesstraßen verlaufen. Alles, was mich jetzt noch von den Lastern und PKWs trennte, war eine weiße Linie auf grauem Asphalt. Ich lief am linken Fahrbahnrand nach Süden, dem Verkehr entgegen. Was sich in den kommenden Stunden in meinen Ohren festsetzte, das war die Melodie der Bundesstraße. 30-Tonner erzeugen ein Heulen und führen an der Rückseite des Hängers einen steifen Luftzug im Schlepptau. Zweimal weht es mir die Mütze vom Kopf. Die Siebentonner sind schneller unterwegs als die großen Sattelschlepper, sie verdrängen aber längst nicht solch riesige Massen an Luft. Und dennoch haben sie einen höchst respektablen Auftritt. Sie sind häufiger, tauchen flink auf, verschwinden schnell wieder. Ihre Vierkreisbremsventile zischen, weil die Fahrer bei meinen Anblick ein wenig in die Eisen gehen. Die Lieferwagen werden meist von jungen Arbeitern gefahren, dementsprechend übermütig fahren sie auch. An einer Kreuzung, grüne Fußgängerampel, hielt ein weißer Sprinter direkt auf mich zu und stoppt knapp vor meinen Knien. PKWs spielen in diesem Konzert eher die Flöte. Sie zischen am schnellsten an, meist mit hohem Motorton, und ziehen kaum Luft nach sich. Meine Ohren dankten es ihnen, ich war fast erleichtert, wenn am Horizont keine LKWs in Sicht sind.

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