Gräfenhainichen-Bitterfeld

Mein Tag war schon fast vorbei, und die Straße nach Bitterfeld schien einfach kein Ende nehmen zu wollen. Da sah ich hinter dem Kloster Muldenstein eine riesige Fabrikruine, deren Silhouette sich zwischen den Bäumen abzeichnete. Ein neugotischer Bau aus gelben Backsteinen, dessen Linien vom schwarzen Ruß der Bitterfelder Braunkohlewirtschaft über Jahrzehnte nachgezeichnet und geschärft wurden. Von außen hatte das Gebäude etwas von einer Kathedrale: 30 Meter hoch mit Querstreben, die sich von den Seitenflügeln aus kommend zu einem zentralen Dachgeschoss vereinigen. Als ich näher kam, sah ich, dass nur noch das Vorderhaus der Haupthalle stand. Zehn Meter hinter dem Portal mit seinem kleinen Spitztürmchen brach der Bau ab, und dahinter tat sich eine gigantische Baugrube auf. Ziegelsteine schauten aus den Zwischendecken heraus und drohten in die mehrere Meter tiefe Baugrube zu fallen. Ich kletterte über einen Damm aus Schutt zum Eingangstor.

Dann suchte ich auf meinem Handy nach Informationen, und schon bald erfuhr ich mehr über die Geschichte dieses Gebäudes: Ab 1905 als Papierfabrik errichtet. Während der Weltwirtschaftskrise gerieten die Besitzer in schwere finanzielle Schwierigkeiten. Im Jahr 1943 wurde das Werk stillgelegt, weil in Goebbels’ „Totalem Krieg“ eine Papierfabrik nicht mehr wichtig war. Ein Jahr später ließ der Flugzeugkonzern Junkers hier das erste weltweit serienmäßige Düsentriebwerk bauen – nicht für den Luftfahrtverkehr, sondern für den Krieg. Wo sich heute der Schutt türmt, mussten einst Zwangsarbeiter an Hitlers letzten Wunderwaffen schrauben.

Nach dem Krieg wurde die Fabrik zum VEB EKM Rohrleitungsbau Bitterfeld, ein Betrieb der Schwerindustrie, in dem auf drei Produktionsstraßen Rohre geschweißt wurden. Ich ging das Treppenhaus hinauf. Das Geländer war elegant geschwungen, auf den Stufen lag Mörtel, ich trat auch auf die Scherben von Bierflaschen. Und immer wieder testeten meine Füße, ob es noch weiterginge. Je höher ich kam, desto mehr Angst hatte ich, abzustürzen. Doch das Treppenhaus war solide und trug mich bis in die oberste Etage.

Von dort aus sah ich all die Trümmer, verteilt auf der Fläche eines Fußballfeldes. Und dass auf dem Nachbargrundstück gebaut wurde. Ein Solarkraftwerk. Von seiner Ausdehnung her noch größer als der alte Fabrikbau. Von Videokameras überwacht. Nur vollkommen menschenleer. Das tote Alte lag neben dem toten Neuen. Gibt es Angestellte an diesem Kraftwerk? Und von was erzählen sie, wenn sie abends von der Arbeit nach Hause kommen? Was ist eigentlich Arbeit im Jahr 2013? Und doch war das Kraftwerk von einer nerdigen Schönheit, geometrisch genau gruppiert und still und schlau. Ich wusste nicht genau, was ich schöner finden sollte.

Die Sonne stand schon tief, und so ging ich schnell nach Bitterfeld, um die Stadt noch bei Tageslicht zu erreichen. Fast wäre ich noch am alten Muldewehr eingebrochen, der schmale Fahrradsteg war morsch wie ein winterkranker Baum. In Greppin traf ich am Bahnhof eine Gruppe Jugendlicher, die nicht mit mir sprechen wollten, Wolfgang Petry vom Handylautsprecher hörten und alle fünf Minuten auf die Schnellzuggleise sprangen, um herumliegende Pfandflaschen und –dosen einzusammeln.

Um einem Vorurteil entgegenzuwirken: Bitterfeld ist sehenswert. Die Stadt war Ende des 19. Jahrhunderts reich, der spätere Weimarer Außenminister Walther Rathenau baute hier ab 1893 für die AEG die Elektrochemischen Betriebe auf – Kern dessen, was auch heute noch die industrielle Substanz ausmacht. In der Innenstadt stehen noch viele Bürgerbauten aus der Zeit. Das Repräsentativste, was man in Bitterfeld aus Backstein machen konnte.

An einem Sonntagabend ist es still in Bitterfeld. Man kann an der Walther-Rathenau-Straße stehen und den Tauben beim Scheißen zuhören. Ich meine das ernst. Und doch traf ich einen Menschen, der von Berlin nach Bitterfeld gezogen war und sich hier pudelwohl fühlte: Onkel Apo.

Der kommt ursprünglich aus Kurdistan, kam aber mit 12 Jahren nach Deutschland. Apo hat in Steglitz, Schöneberg und noch einigen anderen Stadtteilen gewohnt, bevor er 2010 einigen Familienmitgliedern nach Bitterfeld gefolgt ist. „Manchmal vermisse ich Berlin schon, hier ist es schon sehr ruhig. Und einkaufen kann man in Berlin auch besser“, sagt er. Apo betreibt ein türkisches Restaurant im Stadtzentrum, es heißt „Bei Onkel Apo“. Und schon bald ist er bei den Vorteilen von Bitterfeld: „Wenn ich zum Finanzamt will, gehe ich über die Straße und laufe fünf Minuten. Wenn ich zum Arzt will, auch ein paar Minuten zu Fuß. Und ich kenne alle Nachbarn hier wenn ich die Straße entlang gehe, dann grüßen mich alle“, sagt er. „Ich mag den Zusammenhalt hier. Das gibt es in Berlin nicht.“ Er hat auch einen Kiosk nebenan. Und er sponsert mittlerweile ein Fußballteam. „Ich habe mich mal auf dem Rückweg aus Berlin verfahren, bin über Delitzsch nach Leipzig, mehr als dreißig Kilometer an Bitterfeld vorbei, und wollte dann von Süden her über die Landstraße zurück fahren. In einem kleinen Dorf bei Leipzig habe ich dann angehalten und nach dem Weg gefragt. Das war ein Mann mit Hemd und Anzug, und er war sehr korrekt und reserviert. Als er dann fertig war, wollte ich weiterfahren, und da sah er den Schriftzug auf meinem Auto. ‚Hey, bist Du wirklich Onkel Apo?’ Und dann hat er sich wahnsinnig gefreut. Die Leute kennen mich, selbst irgendwo in der Nähe von Leipzig. Hier bin ich zuhause.“

Advertisements

3 thoughts on “Gräfenhainichen-Bitterfeld

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s