Wittenberg-Gräfenhainichen

Es war schon am Abend zuvor. Ich war noch in der Wittenberger Altstadt unterwegs, und weil ich vom Himmel so entwöhnt war, achtete ich nur auf die gasgelben Straßenlaternen und die Risse in den Mauern. Ich mag Gaslicht, weil es nicht röngt, sondern beileuchtet, und wenn es auf alte Mauern fällt, sehe ich nicht den Verfall, sondern eher noch das, was noch werden könnte.

Mir fiel auf, das die Luft klarer war, dass ich die ganze Gasse übersehen und die Gaslaternen zählen konnte. Und es war kalt geworden, ich hatte mein Palästinensertuch auf dem Hotelzimmer gelassen, mein Hals fühlte sich klamm an. Dann sah ich doch hinauf, und ich sah Sterne, den Mond und die tintenblaue Nacht. Das war der Moment, an dem ich zum ersten Mal den Frühling bemerkte.

Ich stellte mir den Wecker auf halb sieben, duschte und frühstückte schnell. Ich wollte sehen, wie das Licht ins Land zurückkehrt. Gegen zehn vor acht war es soweit. Über der Collegiumsstraße sah ich zum ersten Mal in diesem Jahr die Sonne aufgehen. Der finsterste Winter aller Zeiten war zu Ende.

Das Licht hatte eine fantastische Wirkung. Schon um zehn Uhr waren viele Leute mit dem Fahrrad unterwegs. Die Straßen waren voll mit Menschen, die einfach mal einen Spaziergang machen wollten. Als ich in der Nähe des Wittenberger Bahnhofs auf der Suche nach einem Übergang zur Elbbrücke war, sprach mich ein älterer Mann mit dicker Brille und Prinz-Heinrich-Mütze an. „Junger Mann, sie sehen aus wie ein Fremder hier. Kann ich ihnen helfen? Suchen sie etwas?“ Und dann erklärte er mir mit großer Geduld, dass ich schon zweimal an der entscheidenden Unterführung vorbeigelaufen war. Pärchen lächelten mir auf den Waldwegen zu, ein älteres Ehepaar interessierte sich für meinen Rucksack, und der Mann staunte, als ich ihm sagte, dass es bis in die Niederlande geht.

Die Wege waren noch nicht grün, sondern erdbraun, dörrocker und dreckweiß. Aber in den Weihern taute das Eis, und der Schnee lag nur noch dort, wo auch tagsüber die Sonne nicht hinkam. Ich sah dem Frühling beim Wachwerden zu.

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