Treuenbrietzen: Die Stimme aus der Nacht

Meine Pension in Treuenbrietzen lag direkt an der Bahnstrecke. Von meinem Fenster aus konnte ich die Gleise sehen, wie sie sich über die brandenburgische Ebene ausrollten und schließlich im Dunst der Schneeschmelze verschwanden.

 

Um zwei Uhr in der Nacht wachte ich auf, weil mein Gehör ein Rufen wahrnahm. Es brauchte einige Sekunden, bis die Information in meinem Hirn angekommen war. Die Stimme klang fahl und fliehend, ich konnte keine Melodie heraushören, nur, dass sich der Klang der Worte immer zum Ende hin wie zu einer Frage erhob. „Hallo, lasst mich bitte rein! Hallo!“

 

Ich dachte zuerst an einen Hotelgast, der sich ausgesperrt hatte. Aber die Stimme klang nicht lebendig genug für einen Nachtschwärmer. Selbst im Vollrausch hätten die Worte mehr Ausdruck gehabt. Es war keine Wut herauszuhören, keine Verzweiflung. Nur ein leises Klagen.

 

Vielleicht würde jemand, der unbedingt in ein Haus rein will, auch irgendwann mit Steinchen gegen die Fenster schmeißen. Oder vielleicht einfach klingeln, auch wenn dadurch alle anderen wach würden. Die Rufe hörten nicht auf: „Lasst mich bitte rein!“

 

Ich versuchte mir vorzustellen, dass ich ja einfach Gast in diesem Haus sei, und dass mich deshalb das Rufen nichts anginge, weil ja die Pensionswirte die Tür öffnen müssten. Was wäre, wenn dort ein Einbrecher stünde, den ich dann guten Glaubens ins Haus ließe? Nein, ich kann nicht runter gehen.

 

Doch die fahle Stimme wurde nicht leiser. Alle dreißig Sekunden, immer dann, wenn die Reaktion auf den Klageruf ausgeblieben war, drang es von unten durch die geschlossenen Fenster: „Hallo! Hallo! Lasst mich bitte rein!“

 

Ich versuchte noch ein paar Momente, die Stimme zu verdrängen, aber es funktionierte nicht. Also zog ich Hose und Pulli an, schnürte meine Wanderstiefel und ging die Treppe herunter. Doch als ich die Tür aufschloss, hörte ich die Stimme nicht mehr. Und ich sah auch keine Menschenseele.

 

Am nächsten Morgen saß ich um halb acht beim Frühstück. Ich war ein wenig spät dran. Die Wirtin hatte mein Ei auf der Heizung aufbewahrt, damit es warm blieb. Es gab Presskopf und Kochschinken, und sie hatte mir extra einen Kakao gekocht. Ich erzählte ihr von den Stimmen, und sie erzählte mir von der Gastwirtschaft parterre, die es heute nicht mehr gibt. In dem Schankraum ist heute ein ambulanter Pflegedienst untergebracht. „Das war bestimmt eine von den Damen dort unten“, sagte die Wirtin. „Das passiert hier öfters mal.“

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