Berlin-Beelitz

Der graue Himmel droht auf die Straße zu stürzen. Und die Luft ist so schwer, dass ich sie gern mit meinen Stiefeln treten würde. Es riecht nach geschmolzenem Schnee – und es ist der einzige Duft, den ich zu trinken können glaube. Die Waldwege sind tief, meine Sohlen schmatzen im Morast. Sie kleben an der Erde. Und sobald ich wieder auf Gehwegen laufe, schmieren die gleichen Sohlen mit jeder Bewegung am Schmierseifenschnee ab, ich mache drei Schritte, die für zwei gelten. So fängt jeder Frühling einmal an.

 

Das Licht ist noch fahl und die Silhouetten scharf. Bäume recken knospenlose Äste in die Luft. Nur, dass es jetzt nicht mehr friert. Es ist ein Winter ohne Wunder geworden, bald ist er vorbei. Und der Asphalt ist nass, auf dem Weg nach Potsdam.

 

In der Nähe des Wannsees umlaufe ich zum ersten Mal ein Autobahnkreuz. Nun tauche ich unter den Fahrbahnen durch, dreimal: Zubringer, Autobahn, Zubringer. Ich bin früher sehr oft genau auf dieser Autobahn gefahren, aber nie war mir klar, wie sehr die schnellen Straßen das Land zerschneiden. Es wird unpassierbar, wo Autos durch den Gegenwind pfeifen.

 

Ich überquere den Schäferberg, passiere dann die Glienicker Brücke. Eine Dreiviertelstunde später bin ich im Zentrum von Potsdam, aber ich möchte weiter.

 

Potsdam franst nicht aus, Potsdam bröckelt nicht. Potsdam reißt ab. Hinter der Langen Brücke, am Hauptbahnhof vorbei, führt eine schmale Straße einen Hügel hinauf, die sich um eine alte Brauerei herum schlängelt. Hinter der Hügelkuppe, kaum 500 Meter hinter dem Abzweig zum Brandenburgischen Landtag, stehen die letzten Häuser rechts der Fahrbahn, und dann ist es grün und braun und dreckweiß, egal wo man hinschaut: Hellgrün wie die Moosschicht auf den Straßenpfosten, dunkelgrün wie die Nadeln im Wald. Duneklbraun wie der sandige Schlamm, hellbraun wie das vertrocknete Laub. Und der Schnee.

 

Die B 2 lenkt den Verkehr nach Süden, sie verläuft mit einigem Respektabstand zur A 9. Pendler sind hier unterwegs, auch LKW-Fahrer, die das fällige Mautgeld sparen wollen. Auf den nächsten 20 Kilometern kreuzt die Straße lediglich zwei Siedlungen, sonst ist nur Sand, Sand, Sand, Asphalt, Asphalt, Asphalt, Bäume, Bäume, Bäume. Es gibt nur ein oder zwei Ausnahmen.

 

Nach zwei Kilometern entdecke ich einen Metallzaun am Straßenrand, in dessen Gestänge Sowjetsterne eingelassen sind. Südlich der ehemaligen Kommandantur liegt ein Soldatenfriedhof im Wald gesetzt. Hunderte Grabsteine, Einheitsmodell. Die Schriftplatte liegt etwas höher als der eigentliche Grabdeckel. Von weitem betrachtet liegen hier auf der Wiese lauter kleine Granitbetten, sauber gemacht, das Kissen streng auf Kante gelegt. Sie liegen versetzt in Zehner oder Zwanzigerreihen, und wenn man zwei Schritte zurück geht, dann sieht man, dass die begrabenen Soldaten selbst im Tode noch exerzieren. Auf manchen Steinen sind sich duellierende Panzer zu sehen.

 

Einige wenige Gräber sind aufwendiger gestaltet. Schwarze Blöcke, hoch gewachsen. Wenn hier die Vorgesetzten begraben sind, dann haben sie auch heute noch den Überblick.

 

Weiter hinten auf dem Friedhof liegen die Gräber, um die sich niemand mehr kümmert. Die grauen Gräberbetten sind grün vor Moos. Über ihnen liegt eine Decke aus braunen Tannennadeln. Wischt man sie beiseite, kann man selbst die Lebensdaten kaum noch erkennen, sie sind verwittert. Hunderte Steine auf dem besten Wege, wieder eins mit der Natur zu werden.

 

Am Abend erreiche ich Beelitz. Es ist kurz vor acht, und auf der zentralen Straße im Ortskern ist kein Mensch mehr zu sehen. Alle Läden haben geschlossen, selbst der Dönerladen macht um halb acht zu. Zum ersten Mal spricht mich jemand auf meine Wanderung an – die Chefin des Hotels. „Sie wollen bestimmt Zugang zum Internet“, sagt sie, und schaut mir dabei auf die Hände. „Das sind doch Smartphone-Handschuhe.“ Dann trägt sie meinen Namen ins Computersystem ein, sieht meine Mütze, meinen Schal. „Sind sie von Moabit bis hier hin gewandert? Was ist denn ihr Ziel?“ – „Die Niederlande.“ Rein geografisch gesehen.

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