Neukölln. Abend.

Eine Hipster-Kneipe in Neukölln. An der Wand hinter dem Tresen klebt eine grüne Retro-Tapete, die erst mit der Renovierung dort angebracht wurde. Die Wände ringsum sind abgeschabt, damit sie unfertig aussehen. So wie Berlin aussehen soll. Provisorisch, angedacht, nicht ausgeführt. All das ist in aller Perfektion inszeniert. Ein feines Geschäftsmodell. Und neben mir versucht ein Mann mit dicker Brille zwei Frauen mit Floskeln über das Bierbrauen zu beeindrucken. Er redet über Dunkelbiere, und als er dazu ansetzt, wie man Root-Beer (amerikanische Kräuterlimonade) braut, gehe ich ins Hotel zurück.

 

Ins Hotel.

 

Sieh Dir die Terracotta-Vase an, in der das vertrocknete Schilf steht. Klopf auf die braune Furnierfläche Deines Schreibtisches, die so schön dunkelbraun farbveredelt wurde, erdfarben, und Du wirst merken, es ist nichts weiter als Pressholz in neuer Folie. Schau Dir das billige Telefon an, das mit dem Wegwerfhörer. Und die Sprinkleranlage, die auf Dich herabglotzt. Das Waschbecken ist stabil und marmoriert, aber sobald Dir der Rasierer runterfällt, siehst Du von unten, dass alles nur aus Kunststoff ist. Pressschaum. Die violetten Blumen in der Vase sind aus Nylon, und ich frage mich gerade wirklich, ob die jeden Morgen abgestaubt werden. Ich denke an all den goldenen Zierkrempel aus den 90er Jahren, alles weggeschmissen, nur die goldenen Türklinken sind übrig geblieben.

 

Unten feiern die Angestellten eines Finanzdienstleisters, und sie haben alle Hasengesichter, so fröhlich, dass man es besser nicht zur Schau stellen könnte. Siehst Du, wie sie mit den Sektflöten vor die Tür gehen, um eine zu rauchen? Siehst Du den Mann mit den hochgekrempelten Ärmeln, es ist Februar, und seine Haut ist braun. Und dann die Kunst an den Wänden, ein piefiger Sprung ins Abstrakte, gelbe Linien auf grau-kariertem Untergrund. Gelb ist eine Wohlfühlfarbe. Spürst Du den Teppich unter Deinen Füßen? Nein, Du sollst ihn gar nicht spüren. Du sollst das Bild nicht sehen, und auch nicht auf die Idee kommen, gegen Deine Tischplatte zu klopfen. Und draußen, direkt hinter dem S-Bahndamm, beginnt der ärmste Teil von Neukölln.

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