Erkner-Neukölln

Ich kehre nach Berlin als Alien zurück, entdecke die Stadt als Fremder neu. Meine Jacke ist dick wattiert, ich trage ein Halstuch und eine blaue Wollmütze. Busse fahren an mir vorbei, und ich höre immer wieder die S-Bahn über meinen Kopf hinweg rattern. Aber ich steige nicht ein, ich bin auf der Durchreise. Auf Facebook schimpfen meine Freunde über den Schnee. Doch bei minus vier Grad spüre ich viel eher den schneidenden Ostwind in meinem Gesicht. Betrete ich ein beheiztes Gebäude, brennt meine Haut, ganz so, als wolle verstehe mein Körper nicht, dass er in Sicherheit ist vor der Kälte.

 

Gegen Mittag passiere ich im Südosten das Ortsschild, und Berlin ist erst einmal grün. Wieder laufe ich durch Wälder, dann an den geduckten Bungalowbauten in Rahnsdorf vorbei. Ich stoppe kurz am Hessenwinkel, und unwillkürlich kommt ein Stück Heimatgefühl in mir auf. Frankenberg ist noch drei Wochen entfernt, ein Ort in einer anderen Welt.

 

Später führt die Straße kilometerweit am Müggelsee entlang, die Strandbäder sind leer, die Fenster der Verkaufsbuden vernagelt. Zum ersten Mal treffe ich zwei andere Wanderer, sie tragen ebenfalls dicke Rucksäcke auf dem Rücken, doch wir sind so erstaunt, dass uns nur ein kurzer Gruß über die Lippen geht. Im Sommer bin ich oft hier gewesen, mit dem Fahrrad bin ich von Friedrichshain hier her gefahren. Doch nun muss ich weiter gehen, weiter in den großen Bauch der großen Stadt, die in meinen Gedanken nun einfach nur beginnen soll, aber nicht will, weil sie größer ist, als ich das jemals in den Bahnen, Bussen oder per Fahrrad realisiert hätte. Ich laufe, weil ich Zeit habe. Ich laufe, weil ich sehen will. Weil ich spüren will.

 

Treptow-Köpenick ist ein anderes Berlin. Kinder spielen am Ufer des Sees, die Schulranzen auf dem Rücken. Keine Spielplätze, an denen Mütter oder Väter warten würden und miteinander Erziehungstipps austauschten. Manche Häuser stehen hier leer, eine Villa am See ist nur mit einem Fahrradschloss gesichert. Leblos. In Friedrichshagen bekomme ich schließlich Hunger und kehre in einen Gasthof ein, der an der Müggelspree liegt. Es ist das Vereinsheim eines Ruderclubs, gleich am Eingang hängt ein schwarzes Brett, auf dem Anträge diskutiert werden und der Tod eines langjährigen Mitglieds betrauert wird. Der Wirt steht mir einige Sekunden sprachlos gegenüber, und ich frage, ob ich mich setzen darf. Die Wirtin sieht mich von der Küche aus an, und als ich einen Hirschbraten bestelle, fällt der Blick ein zweites Mal auf mich. Fast wird sie panisch, als ich vorm Essen noch einmal an ihrer Küche vorbei zum Waschbecken gehe. Ich versuche sie anzusprechen, bekomme aber keine Antwort. Sie hält beim Klößemachen inne und fürchtet wohl, dass ich nun gehen wolle. Erst als ich die Rechnung zahle, klart ihr Gesicht auf. Ich merke, dass ich mit dem Rucksack auf dem Rücken wohl nirgends zuhause bin. Und so lasse ich die Stadt an mir vorbeirauschen, weil alles, was Alt ist, Neu werden kann. Wenn man bereit ist, sich selbst für ein paar Momente zu vergessen.

 

An Köpenick vorbei laufe ich durch Oberschnöneweide und dann ein paar Kilometer durch Industriegelände. Ich umrunde das Krematorium Berlin, und fast scheint es mir wie ein Wunder, dass mit der Sonnenallee endlich das städtische Berlin beginnt. Eine Metropole, in der man als Wanderer versinken kann, und die mich erst am westlichen Stadtrand wieder ausspucken wird.

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