Frankfurt-Fürstenwalde

Am Stadtrand von Frankfurt an der Oder warb ein Händler damit, dass es zur Eröffnung seines neuen Autohauses in Eisenhüttenstadt „Achim Mentzel, Feuerwerk und Freibier“ gebe, überlebensgroß war das Plakat. In Pilgram starrten mich die Menschen an, ohne mich zu grüßen. Und in Briesen wurde im Schaukasten der Gemeindeverwaltung ein Kabarettprogramm mit dem Titel „Auch Zwerge werfen lange Schatten“ angekündigt. Aber das meine ich gar nicht mal, wenn ich über Brandenburg nachdenke.

 

Ich denke an all den Schnee, und wie der Wind ihn so lange über die Hügel der Mark stäubte, bis er wie eine dicke Daunendecke über den Feldern und Wegen und sogar über den Straßen lag. Und ich meine die Wälder, mit windverkrüppelten Bäumen, die wie Greise am Rand der langen, geraden Waldwege stehen. Die flüchtenden Rehe. Der Mondschein. Aber vor allem: die Distanzen. Von Frankfurt an der Oder bis ins Zentrum von Fürstenwalde sind es knapp 40 Kilometer. Folgt man als Wanderer dem Jakobsweg, der hier von Polen aus entlang der Spree bis Berlin und dann weiter nach Südwesten führt, kommt man auf der gesamten Strecke lediglich durch vier Dörfer. Dazwischen: Zugeschneite Weiden, Felder mit Wintergetreide. Und Stille.

 

Ich bin mir nicht sicher, ob es in Brandenburg so etwas wie „Nachbardörfer“ gibt, so wie ich sie aus der nordhessischen Provinz kenne. Jeder Ort steht solitär, für sich genommen. Und natürlich stifte ich Unruhe, wenn ich mit Wanderrucksack und Halstuch in diese Gemeinschaften einbreche. Dessen bin ich mir bewusst. Und genau deshalb subtrahiere ich die Blicke von meinen Eindrücken, um zu einem realistischen Ergebnis zu kommen. Ich möchte anderen nicht ihr eigenes Staunen vorwerfen, so ungelenk es auch daher kommen mag. Dafür staune ich selbst zu gern. Was mir wichtig ist, lässt sich vielleicht so formulieren: Es heißt, dass das Mitgefühl die vornehmste aller menschlichen Regungen ist. Und wenn ich Hilfe brauchte, habe ich sie in Brandenburg bisher stets bekommen.

 

Sofern Menschen da waren, die mir helfen konnten.

 

In den Wäldern war ich allein, meine Stiefel glitten in frischen Schnee, und nirgends waren andere Fußspuren zu sehen als meine. Standen die Bäume dicht genug am Wegesrand, vervielfältigte sich das Knirschen unter meinen Sohlen wie in einem langen Tunnel. Doch es war nicht der Klang, der mich heute am Denken hielt, es waren die Strecken auf vereisten Untergrund. Jeder Schritt ein Prüfen, ob die Sohle abgleitet oder Halt findet. In den Spurrinnen, die Autoreifen bei Tauwetter in den Untergrund gedrückt haben, sammelte das Wasser. Jetzt waren die Pfützen gefroren, und der Neuschnee kaschierte alles Eis.

 

Und so begann schon kurze Zeit hinter der Stadtgrenze von Frankfurt ein Kampf zwischen mir und dem Wald. Ich zog das Schritttempo an, wenn ich auf „echten“ Waldwegen mit Moos- oder Grasuntergrund ging. Hier gab es keine gefrorenen Pfützen, und auch der Schnee konnte nicht zu Eisplatten zusammengedrückt werden. Und wenn ich mich auf Schotterboden bewegte, war ich stets vorsichtig. Mich störte die Temperatur nicht, und auch die Flocken und der Wind waren mir egal. Aber das tastende Gehen machte mich müde. Es war wie früher in der Tanzstunde. Ich trainierte bestimmte Schrittfolgen und Abrolltechniken, damit ich über den vereisten Weg schreiten konnte.

 

Noch schlimmer wurde es allerdings am Abend, als gegen sechs Uhr die Dunkelheit in der Mark Brandenburg die Konturen der Dinge verschluckte, und die Waldwege nur noch weiß waren. Wie eine Schnecke bewegte ich mich nun, nur dass meine Sohlen die Fühler waren. In der Wegmitte fand ich Halt. Nur dass sich dort über den Tag schon zehn Zentimeter Neuschnee gesammelt hatten. Also stapfte ich, wie ein Waldarbeiter, es war ein mühsamer Gang, und schon nach wenigen Kilometern fühlten sich meine Schenkel zementsackschwer an.

 

Das Knirschen unter meinen Sohlen hörte ich irgendwann nicht mehr, es fühlte sich vielmehr so an, als wanderte ich durch weißen Pudding. Dann blieb ich kurz vor Berkenbrück stehen, und ich wollte mich setzen, merkte aber, dass es weit und breit keine Bank mehr gab. Von oben leuchtete der Mond, und die Autos auf der A12 flirrten mit ihren Rücklichtern zwischen den Baumstämmen hervor. Ich überlegte mir, was wäre, wenn ich einfach hier stehen bliebe. Ich fiele wohl irgendwann um, und sicher würde es mehrere Tage dauern, bis mich jemand fände. Also hob ich wieder die linke Sohle, und die rechte Sohle, und die linke Sohle.

 

Einen Kilometer weiter wurde der Waldweg zum Teerweg. Das nächste Dorf war noch eine Stunde zu Fuß entfernt, aber wenigstens war ich mir jetzt sicher, dass ich es erreichen würde.

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