Slubice-Frankfurt

Es hat geschneit, als ich in Slubice aus dem Bus stieg. Und es hat geschneit, als ich zwei Stunden später am Stadtrand von Frankfurt an meinem Hotel ankam. Ich spüre die Kälte. Und es fühlt sich gut an. Dieser Februar wird echt. Es wird ein Februar werden. So wie der Schnee auf meine Mütze fällt, und all die Kilometer zu Distanzen und Etappen werden.

Ich habe heute morgen meinen Rucksack gepackt, bin nach Osten gefahren und dann einfach losgelaufen. In fünf Wochen möchte ich von Slubice in Polen nach Venlo in den Niederlanden wandern. Warum zu Fuß? Weil man nur so ein Gespür für das Land bekommt. Wie es sich unter den eigenen Füßen verändert, wenn die Ebene zur Hügellandschaft wird, und die Hügel zu Bergen, und zu Hügeln und zur Ebene. Warum im Winter? Weil Deutschland dann frei von Versprechungen ist. Es ist die ehrlichste Jahreszeit. Und die größten Geheimnisse entdeckt man dann, wenn niemand hinschaut.

Dieser Blog ist eine Art Tagebuch. Ich möchte in den kommenden fünf Wochen aufschreiben, was mir nach einem Tag auf der Straße so durch den Kopf geht. Ich werde Städte wie Berlin, Leipzig oder Duisburg durchwandern, aber auch ländliche Regionen, manche von ihnen sind vom demografischen Wandel schon so stark betroffen, dass man die Veränderungen sehen und spüren kann. Ich werde darüber schreiben, aber auch davon, wie wichtig die Provinz für ein Land wie Deutschland ist: Das Telefon ist nicht in München erfunden worden, sondern im südhessischen Friedrichsdorf. Das Kugellager in Schweinfurt. Und der Erfinder des Computers, Konrad Zuse, hat seine ersten wissenschaftlichen Gehversuche in Hoyerswerda gemacht. Einige der besten Ideen entstehen in deutschen Städten, deren Namen kaum jemand jenseits der eigenen Kreisgrenzen kennt.

Unser Land verändert sich. Ständig. Und Berlin mag zwar die Hauptstadt sein, aber am Ende ist es doch nur ein Ort, ein Punkt auf der Landkarte, von dem aus man Sangerhausen, Fritzlar und Olsberg nur schemenhaft versteht. Wenn überhaupt.

Ich reise nur ungern mit dem Flugzeug, weil ich all das verpasse, was zwischen den Flughäfen liegt. Wolken sind mir zu banal. Meine Wirklichkeit ist der Asphalt auf der Straße, das Gras auf den Wiesen, die knackenden Zweige unter meinen Füßen, wenn ich durch den Wald gehe. Dafür laufe ich. Und wenn es stimmt, dass ein Tagebuch eine Art Rückspiegel ist, durch den man auf das Vergangene schaut: Dann ist dieser Blog ein Blick auf das zurückgelegte Deutschland.

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3 thoughts on “Slubice-Frankfurt

  1. Sehr schöne Idee, und viel Erfolg und Vergnügen! Und wenn Du eine Zwischenstation in den Tiefen der niedersächsischen Provinz machen möchtest – mein Haus steht Dir offen. Füchte nur, Winsen (Luhe) liegt zu weit weg von der Route…

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